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Wie viel Reserve braucht ein Netzteil wirklich?

Die Netzteilfrage endet in Foren fast immer gleich: nimm 850 Watt, dann passt es schon. Der Rat ist bequem, er ist selten schädlich — und er ist für die große Mehrheit der Zusammenstellungen falsch. Er kostet Geld, das in der Grafikkarte besser aufgehoben wäre.
Wo diese Rechnung im größeren Zusammenhang steht, von der Wattklasse bis zum Luftweg, zeigt Netzteil und Kühlung.
Wir haben die Frage nicht geschätzt, sondern gerechnet: für alle 451 Kombinationen aus Grafikkarte und Prozessor, die unser Netzteil-Verzeichnis führt.
Wie sich der Bedarf überhaupt ergibt
Die Rechnung hat vier Posten, und sie ist absichtlich langweilig:
- Prozessor: was er unter Last wirklich zieht — bei AMD das PPT, bei Intel die Maximum Turbo Power, 88 bis 253 Watt. Nicht die Nenn-TDP: die steht bei denselben Prozessoren mit 60 bis 170 Watt im Datenblatt und beschreibt einen Dauerzustand, den kein Spielerechner einhält. Ein Ryzen 7 5800X3D ist mit 105 Watt angegeben und zieht 142.
- Grafikkarte: die Referenz-TGP, 115 bis 575 Watt. Das ist mit Abstand der größte Posten und der einzige, der die Größenordnung bestimmt.
- Zubehör: je RAM-Riegel 3 Watt, je SSD 6, je Festplatte 8, je Gehäuselüfter 2,5. Eine übliche Bestückung landet bei rund 20 Watt.
- Grundlast: 45 Watt für Mainboard, Spannungswandler und alles, was sonst noch mitläuft.
Die Summe ist die Systemlast unter Volllast. Darauf kommen 30 Prozent Aufschlag, und die nächstgrößere handelsübliche Wattklasse ist die Antwort. Ein Beispiel: RTX 4070 Super mit Ryzen 5 7600 ergibt 373 Watt, mal 1,3 sind 485 — also ein 550-Watt-Netzteil.
Was dabei herauskommt
Über alle 451 Kombinationen verteilt sich die Empfehlung so:
| Netzteil | Kombinationen | Anteil |
|---|---|---|
| 450 W | 46 | 10 % |
| 550 W | 87 | 19 % |
| 650 W | 107 | 24 % |
| 750 W | 96 | 21 % |
| 850 W | 67 | 15 % |
| 1000 W | 31 | 7 % |
| 1200 W | 17 | 4 % |
Gut die Hälfte aller Zusammenstellungen — 53 Prozent — kommt mit 650 Watt oder weniger aus. Genau 850 Watt braucht jede siebte; rechnet man alles darüber dazu, sind es 25 Prozent. In den übrigen drei Vierteln kauft man Reserve, die nie gebraucht wird.
Diese Zahlen lagen früher günstiger, und das hatte einen Fehler zur Ursache. Bis September 2026 rechneten wir hier mit der Nenn-TDP der Prozessoren. Die liegt bei AMD rund ein Drittel unter dem, was unter Last fließt, bei Intel teils um mehr als das Doppelte — der Anteil der sparsamen Klassen war dadurch zu schön. Die Faustregel mit den 850 Watt liegt weiterhin für die meisten daneben, aber nicht mehr so weit, wie hier zwischenzeitlich stand.
Die mittlere Systemlast liegt bei 500 Watt. Die durstigste Kombination im Verzeichnis, eine RTX 5090 mit einem Core i7-14700K, zieht rechnerisch 893 Watt — 17 Zusammenstellungen landen bei 1200 Watt.
Was die Reserve kostet
Eine Wattklasse mehr kostet nicht viel, aber sie kostet. Am 27.08.2026 lagen die günstigsten Angebote im Netzteil-Verzeichnis so:
| Klasse | ab | Aufpreis zur Klasse darunter |
|---|---|---|
| 450 W | 33 € | — |
| 550 W | 43 € | +10 € |
| 650 W | 56 € | +13 € |
| 750 W | 69 € | +13 € |
| 850 W | 90 € | +21 € |
| 1000 W | 119 € | +29 € |
Wer zum 650-Watt-Bau reflexhaft ein 850er kauft, zahlt rund 34 Euro mehr. Das ist kein Drama — aber es ist ungefähr der Unterschied zwischen 1 und 2 TB SSD, und dort merkt man ihn.
Warum es überhaupt Reserve braucht
Die 30 Prozent sind kein Sicherheitsaberglaube. Sie haben drei Gründe, und alle drei sind nachprüfbar:
- Lastspitzen. Moderne Grafikkarten ziehen für Millisekunden deutlich mehr als ihre TGP. Ein Netzteil, das im Mittel gerade so reicht, schaltet bei solchen Spitzen ab — mitten im Spiel, ohne Vorwarnung.
- Wirkungsgrad. Die 80-Plus-Zertifizierung misst bei 20, 50 und 100 Prozent Last. Am besten arbeitet ein Netzteil in der Mitte dieses Bereichs. Ein System, das dauerhaft an der Obergrenze läuft, arbeitet ineffizienter als eines mit Luft nach oben.
- Alterung. Kondensatoren verlieren über Jahre an Kapazität. Was heute knapp reicht, reicht in fünf Jahren womöglich nicht mehr.
Mehr als 30 Prozent bringen davon allerdings nichts zusätzlich. Ein Netzteil, das im Spielbetrieb bei 25 Prozent Last dümpelt, liegt unter dem gemessenen Bereich der Zertifizierung — die Reserve zahlt sich dann nicht einmal beim Wirkungsgrad aus.
Eine Ausnahme: Netzteile vor ATX 3.0
Der erste Punkt oben — die Lastspitzen — hat eine Grenze, die der pauschale Aufschlag nicht kennt. Aktuelle Karten der Reihen RX 9000 und RTX 5000 ziehen in diesen Millisekunden mindestens die Hälfte ihrer Dauerleistung zusätzlich, im ungünstigen Fall das Doppelte. Seit ATX 3.0 ist das spezifiziert: ein Netzteil nach dieser Norm muss solche Spitzen abkönnen, und dann ist nichts aufzuschlagen.
Bei einem älteren Netzteil gilt das nicht — und bei einem, das schon Jahre läuft, erst recht nicht. Dort ist die Spitze der Grund, warum ein Rechner unter Last ohne Vorwarnung ausgeht, obwohl die Durchschnittslast sauber im Rahmen liegt. Der Netzteilrechner fragt deshalb nach dem Baujahr des Netzteils und schlägt die Spitze nur dann auf. Für eine RX 9070 XT an einem Netzteil vor ATX 3.0 sind das 152 Watt extra — und damit eine Klasse mehr.
Wann mehr sinnvoll ist
- Übertaktung. Mit etwa 15 Prozent Aufschlag auf die Systemlast rutscht ein Bau schnell eine Klasse höher.
- Eine geplante Aufrüstung. Wer weiß, dass in zwei Jahren eine größere Karte kommt, kauft die Reserve bewusst — dann ist es keine Faustregel, sondern eine Entscheidung.
- Viele Laufwerke und Lüfter. Jede Festplatte kostet rund 8 Watt, jeder Lüfter 2,5, eine Pumpe je nach Modell 5 bis 15.
Die eigene Zahl
Die Werte oben sind die Lastangaben der Hersteller — PPT beziehungsweise Maximum Turbo Power beim Prozessor, Referenz-TGP bei der Karte —, keine eigenen Messungen. Richtwerte für die Dimensionierung, nicht für die Stromrechnung: Wer wissen will, was der Rechner tatsächlich verbraucht, darf die Nenn-Lastgrenzen nicht als Dauerverbrauch lesen. Was der Rechner tatsächlich aus der Dose zieht und was das im Jahr kostet, steht in Was ein Gaming-PC im Jahr an Strom kostet.
Für die eigene Teileliste rechnet der Netzteilrechner mit deinen Komponenten, Laufwerken und Lüftern. Und wer nur wissen will, was für seine Grafikkarten-Prozessor-Kombination gilt: die Antwort steht mit der ganzen Aufstellung im Netzteil-Verzeichnis.